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„Normierung führt zur Banalisierung.“
Licht denken und licht denken – wer baut, muss beides können. Acht Fragen an Manuel Aires Mateus von Aires Mateus in Portugal.
„Normierung führt zur Banalisierung.“
„Normierung führt zur Banalisierung.“
Finstral Magazin F_03
Framing Light: 164 Seiten Gespräche, Essays und Meinungen zu Themen aus dem Großraum Architektur.
Der Südtiroler Fensterhersteller Finstral sucht den Dialog, initiiert Gespräche und diskutiert relevante Themen aus dem Großraum Architektur. Für die dritte Ausgabe des Finstral Magazins F_03 haben wir acht Fragen an Architektinnen und Architekten aus ganz Europa gestellt. Hier lesen Sie die Antworten von Manuel Aires Mateus.

1. Wie denken Sie als Architektin/als Architekt über Licht?

Manuel Aires Mateus: Licht ist die erste Bedingung dafür, dass Architektur sichtbar wird. Architektur manifestiert sich durch alle ihre Bestandteile, da können wir von Akustik sprechen, von Haptik, von anderen Sinnen, die uns die Architektur begreifbar machen, aber das Licht ist das Element, das ihren Charakter, ihr Image, vor allem sichtbar macht. Tatsächlich planen wir den Raum, indem wir das erste Element, das Licht, modellieren.

2. Wie planen Sie Tageslicht?

Es ist immer notwendig, Tageslicht einzuplanen. Einfach, weil es durch nichts zu ersetzen ist, auch nicht durch künstliches Licht. Normalerweise muss man eine Wahl treffen und da sind wir bei der Voraussetzung für alle Entscheidungen in der Architektur: die Wahlfreiheit. Ich mag keine Orte, an denen der Lichteinfall sich gegenseitig stört; ich mag Orte, an denen das Licht bedacht eingesetzt wird. Orte, an denen eine klare Entscheidung für eine bestimmte Art des Lichtzugangs getroffen und damit eine andere Möglichkeit abgelehnt wurde.

3. Wie nutzen Sie das Fenster als architektonisches Gestaltungselement?
Das erste, was wir über ein Bauprojekt wissen müssen, ist, dass es keine Normen gibt; es gibt also keine vorgegebene Form, ein Fenster zu planen: Wir können einen Schlitz öffnen, wir können Fassaden ganz offen gestalten, wir können eine Mauerlücke nutzen oder Fenster planen. Es gibt keine statische, richtige Art, ein Fenster einzuplanen. Ein Fenster bedeutet Licht, es bedeutet Aussicht, es bedeutet eine Form der Beziehung zwischen innen und außen. Aber ich entwerfe auch immer das Fenster und denke dabei an den Raum des Fensters an sich. Mich interessiert auch die Tiefe des Fensters, die auch ein Arbeitsfeld ist, das wir oft vorteilhaft, bewohnbar, oder als Abstufung zwischen innen und außen gestalten können. Wichtig ist dabei für uns der Gedanke, dass dieser Raum nicht ein Nichts ist, sondern dass er auch seine eigenen Bedingungen hat.

4. Welches (bekannte) bestehende Gebäude würden Sie gerne wie umnutzen oder erweitern?
Villa Adriana in Rom.

5. Bauen ist ein Dickicht aus unzähligen Vorgaben und teils veralteten Abläufen: Was würden Sie ändern? Und wie?
Wir leben in einer Welt, in der die Normierung zur Banalisierung führt, als ob die notwendige Bedingung für das Leben nicht die Freiheit wäre. Wenn es in meiner Macht stünde, würde ich die Anzahl der Regeln verringern. Im Bauwesen führt eine übermäßige Standardisierung zu einem enormen Mangel an Freiheit, was viele Stadt- und Wohngebiete dysfunktional und phantasielos, also für das Leben ungeeignet, macht.

6. Architektur ist gebaute Realität. Welche gesellschaftliche und politische Verantwortung haben Architektinnen und Architekten heute?
Architekten haben die gleiche Verantwortung wie jeder andere Mensch in einer Gesellschaft auch, aber die Architektur reagiert spezifisch auf neue Bedingungen und Probleme. Unsere Herausforderungen: ökologische Probleme, Probleme des Gebietsmanagements, des Ressourcenmanagements. Auch mangelt es an Entwürfen, die in der Lage sind, sich im Laufe der Zeit an geänderte Bedürfnisse anzupassen – eine Voraussetzung für nachhaltige Architektur. Es ist die Pflicht des Architekten, auf diese sehr komplexen Herausforderungen zu reagieren. Im Fokus steht die Frage, wie Architektur mit ökologischen Problemen umgeht. Oft schieben wir die Verantwortung auf technische und energetische Mängel. Eigentlich aber geht es darum, dass die Architektur (wieder) lernt, sich anzupassen und widerstandsfähig wird. Vorbild und Musterbeispiel sind mehrere hundert Jahre alte Gebäude, die heute noch stehen. Ihre Qualität besteht darin, sich unbegrenzt an neue Konzepte anpassen zu können.

7. Mit wem würden Sie gerne einen (Architektur-)Diskurs führen – und zu welchem Thema?
Ich würde gerne mit dem Präsidenten der Europäischen Kommission oder mit dem Papst sprechen. Das Thema wäre die Rolle der Schönheit.

8. Mit welcher These eröffnen Sie diesen Diskurs?
Ich würde den Diskurs mit einer Frage eröffnen: Welche Rolle spielt die Schönheit in der heutigen Gesellschaft?

1988 gründeten Manuel Aires Mateus und Francisco Aires Mateus das Architekturstudio Aires Mateus in Lissabon. Von Anfang an befasst sich das international tätige Studio mit der Rolle von Erinnerung und Wissen, mit der Beziehung zwischen der physischen und der kulturellen Welt. Manuel Aires Mateus ist seit 1986 in der Lehre aktiv und arbeitet mit mehreren Universitäten zusammen, darunter mit der Harvard Graduate School of Design, mit dem College of Architecture oder der Oslo Architecture School. Seit 1998 ist er Professor an der Universidade Autónoma de Lisboa und seit 2001 an der Accademia di Architettura in Mendrisio, Schweiz. Aires Mateus hat an mehreren Ausstellungen teilgenommen, war regelmäßig auf der Architekturbiennale in Venedig vertreten und erst kürzlich auf der Seoul Biennale of Architecture and Urbanism (Südkorea, 2021) präsent. Dazu kommen zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, wie der AIT Award (2012, 2020), der Valmor Prize (2002, 2018), der Secil Prize (2020) oder der Ecola Prize (2019) und die Auswahl für den Mies van der Rohe Prize (2007, 2017). 2017 wurde Manuel Aires Mateus mit dem Pessoa-Preis ausgezeichnet.
Porträt Manuel Aires Mateus: © Fernando Guerra und Sérgio Guerra
airesmateus.com


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