Vom 5. bis 10. Oktober 2026 steht im Finstral Studio Friedberg eine radikal andere Form des Bauens im Mittelpunkt: Räume, die allein von Luft getragen werden. Gemeinsam mit Hans-Walter Müller entwickeln Masterstudierende der Architektur der Technischen Hochschule Augsburg einen begehbaren Raum aus Luft und Kunststoffmembran, eigens für den Moritzplatz in Augsburg.
Hans-Walter Müller zählt zu den Pionieren der aufblasbaren Architektur. Seit den 1960er-Jahren erforscht er, wie sich mit minimalem Materialeinsatz überraschend große, lichte Räume schaffen lassen. Ein geringer Luftüberdruck genügt, um seinen Konstruktionen Form und Stabilität zu geben. Im Gegensatz zur traditionellen, von Schwerkraft bestimmten Architektur entstehen so leichte Räume, die erscheinen, sich verändern und wieder verschwinden können.
Seit Jahrzehnten gibt Müller sein Wissen in Workshops an Studierende weiter. In mehr als 50 Workshops an Architektur- und Kunsthochschulen hat er pneumatische Räume entwickelt und realisiert. Im Mittelpunkt steht dabei weniger das fertige Ergebnis als der experimentelle Lernprozess: das unmittelbare, körperliche Erfahren von Raum, Material, Luft und Konstruktion.
In Friedberg wird diese Arbeitsweise mit Masterstudierenden der Technischen Hochschule Augsburg fortgesetzt. Der Workshop findet unmittelbar im Ausstellungsraum des Finstral Studio Friedberg statt. Entwerfen, Experimentieren, Zuschneiden und Fügen werden damit selbst Teil der Ausstellung. Besucherinnen und Besucher können den Entstehungsprozess verfolgen – von der flach ausgebreiteten Kunststoffbahn bis zum begehbaren Raum.
Ausgangspunkt des Entwurfs ist der Moritzplatz und sein Verhältnis zur Moritzkirche. Für diesen Ort entwickeln die Studierenden gemeinsam mit Hans-Walter Müller eine Struktur, die der bestehenden Architektur für einen kurzen Moment eine andere Form des Bauens gegenüberstellt: leicht, temporär und von Luft getragen. Dabei geht es nicht allein um den Kontrast zwischen Stein und Luft, Dauer und Vergänglichkeit, sondern auch um die Frage, wodurch ein Raum seine sakrale Qualität erhält.
„Ich möchte ein sakrales Volumen schaffen und zeigen, dass das Sakrale nicht unbedingt aus Stein bestehen muss. Auch ein Raum aus Luft kann eine Strenge und Ruhe entwickeln, die zum Innehalten und zum Gebet einlädt – und so in einen Dialog mit der Moritzkirche treten.“
— Hans-Walter Müller
Die Begegnung von vergänglichem Raum und sakraler Architektur knüpft zugleich an einen besonderen Moment in Müllers Werk an. 1969 realisierte er in Montigny-lès-Cormeilles bei Paris eine pneumatische Kirche für eine Gemeinde ohne eigenes Kirchengebäude. Das weniger als 40 Kilogramm schwere Volumen konnte innerhalb weniger Minuten aufgeblasen werden, schuf der Gemeinde einen eigenen Ort für ihre Zusammenkünfte und machte Hans-Walter Müller erstmals überregional bekannt.
Am Donnerstag, 8. Oktober, gibt ein Architektursalon im Finstral Studio Friedberg Einblick in Hans-Walter Müllers Werk und den laufenden Entstehungsprozess. Am Samstag, 10. Oktober um 10:00 Uhr, wird die gemeinsam entwickelte Volumen am Moritzplatz in Augsburg öffentlich präsentiert. Dafür verlässt sie den Ausstellungsraum und wird im Zentrum der Stadt aufgebaut – im unmittelbaren Dialog mit Moritzplatz und Moritzkirche.
Anschließend kehrt sie in das Finstral Studio Friedberg zurück und bleibt dort als Teil der Ausstellung zu Hans-Walter Müller bis zum 2. April 2027 zu sehen. So verbindet „Bauen mit Luft“ Lehre, Experiment und Ausstellung: vom Entwerfen und gemeinsamen Herstellen über die Intervention im Stadtraum bis zur Rückkehr in den Ausstellungsraum. Damit wird Müllers radikales Bauen mit Luft im Finstral Studio auch zum Ausgangspunkt für die Frage, wie wir Räume künftig denken und welche neuen Möglichkeiten des Bauens daraus entstehen können.